Wie ist die Situation in den Hochwassergebieten? Ein Kunde berichtet …

Freitag 10. September 2021

Herzlichen Dank an Jens Ehlers, Küchenleiter der Klinik Niederrhein aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, der uns aus erster Hand über die aktuelle Lage berichtet:

Wie hat sich die Lage in den letzten Wochen entwickelt?

Jens Ehlers: An allen Ecken und Enden wird an etwas Normalität gearbeitet. Der größte Müll und Schutt ist entsorgt und wird nun an den Entsorgungspunkten sortiert und abtransportiert. Hier haben insbesondere die Landwirte mit Ihren Traktoren hervorragende Hilfe geleistet und bis zum Umfallen gearbeitet. Zur Zeit werden die Häuser, die stehen bleiben dürfen, entkernt und desinfiziert. Die Infrastruktur wird wiederhergestellt. Auch wenn dieses sicherlich noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird.

Läuft Ihr Klinikbetrieb (halbwegs) normal?

Jens Ehlers: Nein! der Klinikbetrieb läuft nicht normal. Obwohl unser Klinikgebäude keinerlei Schäden aufweist, dürfen wir erst Anfang Oktober wieder anfangen. Aufgrund der ungeklärten Abwassersituation dürfen wir stufenweise maximal 60 Patienten aufnehmen.

Ist die Region immer noch von der Außenwelt abgeschnitten?

Jens Ehlers: Nein, alle Orte sind wieder erreichbar. Manche aber nur für Anwohner und Hilfskräfte. Eine Durchfahrt im Ahrtal ist nicht möglich, da immer noch viele Straßen zerstört/unterspült sind.

Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet. Die Brücken für die Überquerung der Ahr sind größtenteils zerstört. THW und Bundeswehr haben provisorische Brücken erstellt, auch hier wird mit Hochdruck an einer Optimierung gearbeitet. Zuallererst gilt es, die Versorgung der Bevölkerung zu sicher zu stellen.

Die Wasserversorgung ist sichergestellt, die Gasversorgung (Heizung/Warmwasser) ist größtenteils zerstört, eine Versorgung kann erst im Frühjahr 2022 fertiggestellt werden. Die Abwasserentsorgung ist durch die Zerstörungen der Kläranlage und der Abwasserrohre nur provisorisch und stark eingeschränkt. Rotes Kreuz und THW arbeiten mit Hochdruck daran.

Aufgrund der schwierigen Versorgungslage wird hier Ihre Spende eingesetzt, Hilfskräfte vom Roten Kreuz, der ASB, Malteser und auch das THW verwenden Ihre Desinfektionsmittel. Aber auch die Handwerker die die mit Schlamm, Fäkalien und Betriebsstoffen verseuchten Häuser entkernen müssen. Das sind oft Freiwillige, die am Wochenende hier sind, um Ihrem „Freizeitvergnügen“ nachzugehen und ehrenamtlich ihre handwerklichen Fähigkeiten zur Verfügung stellen, um unsere Wohnräume wieder nutzbar zu machen. Leider haben nur wenige private Elementarversicherungen so dass sie mit diesen Problemen allein dastehen.

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Foto oben: Am 27.07.2021 liefert Witty-Fahrer Thomas Stache bei Jens Ehlers von der Klinik Niederrhein 1000 Flaschen Witty-Sterile Pure ab.

Wie ist die Stimmung / der Zusammenhalt vor Ort?

Jens Ehlers: Wie oben bereits erwähnt, gab es eine unwahrscheinliche Unterstützung der professionellen Organisationen, aber insbesondere die privaten Helfer beeindrucken.

Sie kommen mit Ihrem Handwerkermaterial, Schaufeln, Abzieher, Gummistiefel hier an. Sie übernachten in Zelten, Autos usw. und verbringen ihre studienfreie Zeit, ihren Urlaub oder auch das Wochenende hier, um unsere Region wieder bewohnbar und damit lebenswert machen.

Das sind genau die Menschen, die uns Bewohner Hoffnung, Zuversicht und Fürsprache geben. Diese Hilfsbereitschaft sorgt dafür, das viele nicht aufgeben und die Stimmung trotz aller Probleme sehr sehr gut ist.

Ein Motto hier hat sich etabliert: Als Helfer gekommen, als Freund gegangen. Das „kleine“ Ahrtal rückt mit ganz Deutschland zusammen. Jeder unterstützt jeden, mal reicht eine warme Dusche, mal ein Handy aufladen, mal ein Kaffee und oft hilft das Zuhören von denjenigen, die nicht direkt betroffen sind. Aber manchmal darf es auch ein Bagger, Stemmhammer oder Schubkarre sein. 

Viele kritisieren unsere Gesellschaft, sicherlich auch manchmal zurecht. Aber in der Krise sind wir eins. So eine Solidarität zu erleben, gibt jede Menge Zuversicht und Hoffnung. Dabei es ist völlig egal welche Hautfarbe, Religion, Geschlecht - oder was auch immer die Menschen haben.

Ich hoffe Ihnen einen kleinen Einblick in die aktuelle Situation gegeben zu haben.

Viele Grüße aus der Klinik Niederrhein, Bad Neuenahr-Ahrweiler sendet 

 Jens Ehlers

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